– Martin Kirchner: “Das Unbehagen im Realismus”

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Das Unbehagen im Realismus

englische Version

Realismus als eine ästhetische Methode des frühen 19. Jahrhunderts, verlief parallel mit dem Aufstieg der Photographie. Seine Signifikanz lag in der direkten Konfrontation mit den Tendenzen der Wirklichkeitsflucht in der Romantik. Realismus richtete die Aufmerksamkeit auf die materielle und soziale Welt als Basis von Literatur und Kunst. Das Aufkommen von Realismus in der Kunst und der Literatur markiert allerdings nur den Anfang einer langen Debatte, in der viele den Begriff mit Positivismus, als ein neues System objektivistischer Rationalisierung, gleichsetzen.

Trinh T. Minh-ha argumentiert, dass der Realismus, welcher eine „meine-ist-die-wahrere Version“ von Realität nahe legt anstatt die eigentliche Konstitution von Autorität zu hinterfragen, eine Quelle der Autorität durch eine andere ersetzt.[1] Die Fähigkeit, “Fakten” in einer realistischen Weise anzusammeln, ist die Vorraussetzung um über die Definition von Realität bestimmen zu können. Die Autorität anzufechten heißt nicht eine völlig relativistische Position einzunehmen, welche ohnehin nicht die Anerkennung von Unterschiedlichkeit impliziert, sondern die Reduktion kultureller Differenzen auf das Niveau allgemeiner Indifferenz und Austauschbarkeit. Stattdessen weist ein kritischer und politisch reflexiver Realismus einen Weg aus der Opposition zwischen autoritativen “Fakten” und absoluter Relativität.

Realismus als ein mehrdeutiger Begriff, welcher Gegenstand sich oftmals widersprechender Interpretationen ist, kann vielleicht in zwei Varianten aufgeteilt werden: Entweder er verweist auf das Bekenntnis, die Bewegung sozialer Kräfte als Grundlage der Wahrnehmung von Realität zu verstehen, und zu beschreiben; oder er verweist auf eine Strategie der Repräsentation, bei welcher die Objekte als “realistisch” oder “natürlich” auftreten und die Autorin oder der Autor unsichtbar bleibt.[2] Bei konventioneller Verwendung des Begriffs überschneiden sich oft beide Definitionen; was folgt, ist der Versuch ein Argument gegen Realismus aufzuzeigen, verstanden als ein ästhetischer Modus, basierend „auf einer positivistischen Philosophie über die Existenz objektiver Realität.”[3]

Für viele legt der Begriff Realismus die Vorstellung nahe, dass Wissen über die Realität objektiv kommuniziert und rezipiert werden kann, unbeeinflusst von Form und persönlicher Befangenheit. Diese Ansicht ist deckungsgleich mit dem Positivismus, der Behauptung, dass das Verstehen der sozialen Welt auf beobachtbaren, unstrittigen Fakten basiert, welche außerhalb jeder menschlichen Konzeptualisierung der Wellt existieren. Wie Realismus, „konzentriert sich [Positivismus] auf das Objekt des Wissens, schafft die menschliche Akteur_in, die das Wissen ausübt ab und versucht dadurch das ‘Subjekt’ des Wissens vor der kritischen Betrachtung zu verstecken.“[4] Dem gegenüber schließt ein kritisch-reflexiver Ansatz nicht die Betrachtung des Subjekts als determinierendes Element aus.

Positivismus, nun synonym mit Empirismus verstanden, entstand zur gleichen Zeit, in der Realismus als eine ästhetische Praxis ins Blickfeld kam. Als eine Philosophie separiert er “Fakt” von „Wert,” verleugnet alles, was mit der Überschreitung des Quantifizierbaren oder Messbaren assoziiert ist, wie „die Fähigkeit zu hoffen, Stellung zu beziehen, zu begehren, nach Glück zu streben“.[5] Stattdessen versucht er Realität “objektiv” zu verstehen— “Fakten” anzusammeln und streng an wissenschaftlicher Darstellung festzuhalten. Max Horkheimer kritisierte diese positivistische Prämisse objektiver Fakten und machte deutlich, dass nicht nur Realität selbst, sondern auch die Art, wie wir Realität wahrnehmen, historisch bestimmt ist.[6] Eine kritische Methode befragt die Mittel und Bedingungen, die ein Erkennen von Realität ermöglicht, indem sie Neutralität und Transparenz menschlicher Wahrnehmung in Abrede stellt.

Beispiele der Kunst, die positivistische Tendenzen manifestieren, kann man durchgehend in der Geschichte des Realismus finden. Zum Beispiel schreibt die Kunsthistorikerin Linda Nochlin, dass die realistischen Gemälde Courbet´s danach streben, „objektive Darstellungen der äußerlichen Welt, basierend auf die unabhängige Betrachtung des zeitgenössischen Lebens“ zu erzeugen.[7] Der realistische Schriftsteller Gustave Flaubert versucht einen Stil der Unsichtbarkeit zu erzeugen, in welchem der/die Autor_in „wie Gott im Universum, überall gegenwärtig und nirgendwo sichtbar“ ist.[8] Und der realistische Filmkritiker André Bazin feiert Photographie und Film für deren Fähigkeit, Realität intakt und unverändert in die Reproduktion zu transferieren; er behauptet, dass aufgrund der Objektivität der Photographie, wir gezwungen sind „das Bestehen des reproduzierten Objekts, als echt zu akzeptieren,“ und dass der Nutzen des Kinos die Fähigkeit zur, „Neuerschaffung der Welt in ihrem eigenen Abbild“ sei.[9]

Entgegen Bazins Erklärungen erscheint vielen, besonders in der Filmwelt des 20. Jahrhunderts, der Begriff “Realismus” als unterdrückendes Motiv. Der Bild-Anthropologe Jay Ruby formuliert dazu: „Marxist_innen, Feminist_innen und Wissenschaftler_innen, die sich mit der Repräsentation von sexuellen, ethnischen und politischen Minderheiten befassen, argumentieren, dass Realismus im Film eine ideologische Konstruktion ist, die jene mit Macht begünstigt, indem der Status quo naturalisiert wird, während gleichzeitig die Unterlegenen unterdrückt und, Differenzen und kulturelle Streitfrage ausradiert werden.“[10] Für diejenigen, die lange Zeit in der angeblich “realistischen” Welt des Kinos unsichtbar waren, tritt, der sich als neutral ausgebende Begriff, als ein Werkzeug auf, dass Marginalität naturalisiert. Von einem feministischen Standpunkt ausgehend, haben Filmkritiker_innen seit langem Probleme mit dem Begriff. B. Ruby Rich schreibt, „die Tradition des Realismus im Kino ist bei Frauen nie gut angekommen. In der Tat, entspricht das Preisen von Realismus gegenüber Frauen, den/die Kriminelle(n) vor dem Opfer zu rühmen; durchgehend wurden Frauen unter seiner Fahne verfälscht [dargestellt].“[11] Es ist der Anschein von Plausibilität dieses filmischen Realismus, der die Repräsentation jener Frauen verschleiert, die als Mythos porträtiert werden. Für Viele ist Realismus nur die Universalisierung der Werte und Symptome des vorherrschenden Machtregimes.

Ungeachtet davon, ob ein realistisches Werk mimetische Repräsentation einbezieht oder nicht, verwickelt sich jedes Kunstwerk oder jede künstlerische Praxis, die beansprucht ausschließlich auf die Veränderbarkeit der Wirklichkeit hinzudeuten oder diese zu beschreiben, ohne dabei das eigene Verwickeltsein zu zeigen, in eine ideologische Absolutheit und Blindheit bezüglich der eigenen Position und bleibt somit in diskursiven Netzwerken gefangen, denen es weder entkommen, noch über sie hinauswachsen kann. Des Weiteren, trotz der Unzulänglichkeit jeglicher repräsentativer Strategie, ist die Frage danach wem es erlaubt ist zu repräsentieren entscheidend und sollte nicht gänzlich vermieden werden. „Konkurrierende Definitionen von Realität stehen auf dem Spiel “ schreibt Paul Wood. „In einer Welt, wo verschiedene Realitäten von verschiedenen Interessengruppen sehr verschieden wahrgenommen werden, […] gibt es einen andauernden Kampf gegen vorherrschende Definitionen, wie die Welt ist“.[12] Für die Widerlegung der Behauptung, dass eine einzelne Realität existiere, die detailgetreu auf Zelluloid kopiert werden könne, bleibt der Kampf um Sichtbarkeit und Definition von Realität, entlang der Koordinaten des sozialen Status und der kulturellen Differenz, ausschlaggebend.

Beim bloßen Beschreiben der Gesellschaft legitimiert ein eindimensionaler Realismus, wie der des positivistischen Denkens, nur die unterdrückenden Machtverhältnisse des Status quo. Ein kritischer und politisch reflexiver Realismus unterdrückt nicht den ethischen Drang nach Emanzipation der Menschen von den Verhältnissen der Dominanz und Unterdrückung, welche er beschreibt. Anstatt zu versuchen, die Subjektivität der Autor_in transparent zu machen, verweisen reflexive Arbeiten nicht nur auf das Subjekt als ein Subjekt-im-Prozess, sondern heben den persönlichen ethischen und politischen Standpunkt des Subjekts als ein rahmenden Agenten der Interpretation sozialer Realität hervor. Reflexivität wirft vor allem Zweifel gegenüber dem Wissen auf, das der Text darlegt, und verhindert, dass ein Werk zum Ersatz für die aktive Interpretation der Realität durch den Betrachter wird. Eine Form von Bewusstwerdung, ein politisch reflexiver Realismus, welcher mit Strategien der Verfremdung operiert, kann im Rückbezug auf das Publikum, auf „die Machtverhältnisse und Hierarchien zwischen dem Text und der Welt“[13] aufmerksam machen. Gleichzeitig auf sich selbst zurückgeworfen, verkörpert dieser Realismus einen Blick, der der „Impuls ist das Werk auseinander fallen zu lassen […] ein Geschenk, durch das das Werk von der Bedeutungstyrannei befreit wird.“[14]

Martin Kirchner


[1] Trinh T. Minh-ha, “The Totalizing Quest of Meaning,“ in: Theorizing Documentary, ed. Michael Renov (New York: Routledge, 1993).

[2] Williams, Keywords: A Vocabulary of Culture and Society (New York: Oxford University Press, 1976), pp. 257-262.

[3] Jay Ruby, Picturing Culture: Explorations in Film and Anthropology (Chicago, I.L.: The University of Chicago Press, 2000).

[4] R. George Kirkpatrick, George N. Katsiaficas, Mary Lou Emery, “Critical Theory and the Limits of Sociological Positivism,“ Red Feather Institute, 1978

http://www.mega.nu:8080/ampp/176krkpt.htm.

[5] Richard Van Heertum, “How Objective is Objectivity? A Critique of Current Trends in Educational Research,” InterActions: UCLA Journal of Education and Information Studies, 2005

http://repositories.cdlib.org/cgi/viewcontent.cgi?article=1018&context=gseis/interactions.

[6] Kirkpatrick.

[7] Sara Faunce and Linda Nochlin, Courbet Reconsidered (Brooklyn, N.Y.: Brooklyn Museum, 1988).

[8] Francis Steegmuller, ed., The Letters of Gustave Flaurbet: 1830-1875 (Cambridge, M.A.: Harvard University Press, 1980).

[9] André Bazin, What is Cinema, Vol. 1 & 2 (Berkeley, C.A.: University of California Press).

[10] Ruby.

[11] B. Ruby Rich, Chick Flicks: Theories and Memories of the Feminist Film Movement (Durham, N.C.: Duke University Press, 1998).

[12] Paul Wood, Realism, Rationalism, Surrealism: Art Between the Wars (New Haven, C.T.: Yale University Press, 1993).

[13] Bill Nichols, Representing Reality: Issues and Concepts in Documentary (Bloomington, I.N.: Indiana University Press, 1991).

[14] Mihn- Ha.

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